Dass ich gerade überhaupt noch die Kraft aufbringe, etwas zu schreiben, grenzt eigentlich an ein Wunder. Oder ich therapiere mich einfach selbst. Vermutlich beides. Heute war einer dieser Tage. Einer dieser vielen Tage, an denen „Mental Load“ schon gar keine ausreichende Bezeichnung mehr ist. Eher: ein logistischer Hindernislauf mit Kind, Kita, Handwerker, Arbeit, Brotdose, Bastelauftrag, schlechtem Gewissen und der leisen Frage, ob irgendwo im Universum vielleicht noch eine erwachsene Person für mich zuständig ist.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit viele Mütter und Väter abhole. Und ich bin mir genauso sicher, dass sich andere darüber lustig machen, mich unorganisiert nennen oder denken: „Na ja, selbst schuld.“ Letzteres ist mir heute erstaunlich egal. Denn der Pain is real. Und das Gemeine ist: Solche Tage sind keine Ausnahme. Sie sind Alltag. Sehr oft. Sehr, sehr oft.

0:44 Uhr: Meine Tochter muss aufs Klo. Ich hatte gerade so friedlich geschlummert. So friedlich, wie man eben schlummert, wenn man weiß, dass der Wecker in wenigen Stunden klingelt und der nächste Tag sicher wieder liebevoll eskalieren wird. Mit verklebten Augen stehe ich auf, nur um festzustellen: Das Klo ist besetzt. Ich klopfe. Niemand antwortet. Meine Tochter jammert. Wir klopfen wieder. Mittlerweile bin ich sehr wach. Fünf lange Minuten später ist das Bad frei. Natürlich sind wir danach beide wach. Mit etwas Überredungskunst schläft das Kind wieder ein. Der Klo-Besetzer schnarcht irgendwann laut neben mir. Und ich? Ich bin wach.

6:30 Uhr: Der Wecker klingelt. Ich schlurfe aus dem Bett, gehe duschen und versuche, mich an das Konzept „Mensch sein“ zu erinnern.

6:47 Uhr: Ich mache mir einen Kaffee und höre die Nachricht einer Freundin, die Rat braucht. Ich versuche, das Beste aus mir herauszuholen, denn ich will endlich mal wieder ins Büro. Raus. Unter Menschen. In eine Umgebung, in der ich theoretisch arbeiten könnte. Theoretisch.

7:15 Uhr: Ich lege die Sachen für meine Tochter raus, bereite schon mal das Frühstück vor, wecke Kind und Mann und frage, wohin ich die Wechselsachen für den Tag legen soll, damit er sie dann später doch vergisst. Organisation ist schließlich Teamarbeit. Also zumindest in der Theorie.

7:18 Uhr: Der Handwerker ruft an, um mir zu sagen, dass er sich verwählt hat. Auch schön.

7:40 Uhr: Ich will gehen. Dicke Tränen bei meiner Tochter. Sie möchte, dass ich bleibe. Natürlich möchte sie das. Natürlich trifft mich das. Natürlich bin ich innerlich schon zwischen „Ich muss los“ und „Ich bin eine schlechte Mutter“ zerrieben. Ich helfe ihr noch beim Anziehen und trockne die Tränen.

7:54 Uhr: Mit schlechtem Gewissen verlasse ich das Haus.

8:15 Uhr: Ich komme auf Arbeit an und merke: Ich habe mein Telefon vergessen. Mein erster Gedanke: Gut so. Weniger Ablenkung. Keine Anrufe. Keine Kita-Nachrichten. Keine Handwerker. Keine Welt. Ich hole mir einen Kaffee und lasse mir mein veganes Croissant schmecken. Für einen kurzen Moment fühlt es sich fast friedlich an.

9:30 Uhr: Mein Mann bringt mir das Handy dann doch vorbei. Schade eigentlich.

Der Vormittag ist stressig. Es ist laut im Büro. Ich mache einen Spaziergang, um meinen Kopf freizubekommen. Was grundsätzlich eine gute Idee ist. Nur werden mir genau diese 45 Minuten Pause später auf die Füße fallen. Aber dazu kommen wir noch.

10:20 Uhr: Ich sage den Sportunterricht meiner Tochter ab.

10:40 Uhr: Ich checke meine Mails und sehe: Kitanachricht. Bitte bringt Bastelsachen für die Zuckertütenbastelei um 15 Uhr mit. Zuckertütenbastelei. Ich hasse Basteln. Ich kann das auch nicht. Ich mag das auch nicht. Wenn ich eine gute Anleitung habe, dann geht es vielleicht. So wie bei Lego. Lego verstehe ich. Lego sagt mir, welches Teil wohin muss. Lego verlangt nicht von mir, dass ich aus Pappe, Glitzer und pädagogischer Erwartungshaltung etwas „Liebevolles“ erschaffe. Freies Drauflosbasteln gehört einfach nicht zu meinem Repertoire. Natürlich kann ich keine Bastelsachen mitbringen. Wann soll ich die denn überhaupt besorgen?

Die Zeit rennt. Ich arbeite weiter und merke, dass ich heute definitiv eine Minusstunde machen muss, wenn ich alles schaffen will. Ich will ja auch noch einkaufen. Biogemüse. Brotdose. Ausflug. Kita. Leben.

14:30 Uhr: Feierabend. Schön wäre es. Ich renne in den Biomarkt. Natürlich finde ich dort nichts, was meiner Tochter in ihrer Brotdose auch nur ansatzweise schmecken würde. Und spätestens jetzt, an alle Eltern da draußen, die sich beschweren, dass ihre Kinder immer essen würden: Freut euch. Wirklich.

Es ist nicht schön, wenn das eigene Kind bei der kinderärztlichen Untersuchung unter der letzten Perzentile liegt und deshalb zur Blutabnahme muss. Mir ist klar, wie plakativ das klingen mag. Aber ich höre diesen Satz oft von Eltern mit völlig gesunden, gut essenden Kindern. Ich rede nicht von Kindern, die aufgrund von Krankheit oder schwierigem Essverhalten in die andere Richtung kämpfen. Ich rede davon, dass Essen bei uns eben kein Selbstläufer ist. Nicht mal eine Brotdose.

14:49 Uhr: Der Handwerker ruft an und fragt, ob ich zu Hause bin. Bin ich nicht. Überraschung.

14:54 Uhr: Ich hetze zur Kita zum gemeinschaftlichen Basteln. Dann stehe ich vor dem Bastelkram. Es ist ein bisschen hoffnungslos. Zum Glück bin ich nicht allein. Und tatsächlich habe ich sogar etwas Spaß mit ein paar Müttern. Kurz denke ich: Ach, vielleicht wird das doch ganz nett.

16:08 Uhr: Nur noch eine Stunde Zeit und irgendwie sieht meine Zuckertüte nicht so aus, wie ich sie mir nicht vorgestellt hatte. Ich schaue mich um. Wieso machen das alle so toll? Bei mir ist alles ist alles nur voller Glitzer und Kleber und überhaupt sieht es einfach nur noch komisch aus. Ich versuche, es zu retten, aber eigentlich verschlimmbessere ich es nur.

16:34 Uhr: Ich merke: Bunt ist nicht automatisch stilvoll. Als gelernte Grafikerin frage ich mich, wo eigentlich mein Sinn für Ästhetik geblieben ist. Und mein jetziger Beruf als SEO-Managerin hätte mich doch wenigstens auf die Idee bringen können, vorher „Zuckertüte basteln Anleitung einfach“ zu googeln. Stattdessen sitze ich hier, klebe irgendwas irgendwohin und hinterfrage meine Karriere. Eigentlich hätte ich schon längst fertig sein wollen. Ich muss meine Tochter holen. Sie ist eigentlich schon über ihrer Betreuungszeit.

17:00 Uhr: Ich resigniere. Ich will gehen. In genau diesem Moment kommt die Erzieherin und sagt mir, dass sie endlich nach Hause möchte und meine Tochter ja auch noch abgeholt werden muss.

Ich fühle mich schlecht. Ich habe meine Tochter noch nie auch nur ansatzweise so lange in der Kita gelassen.

17:30 Uhr: Ich bin mit meiner Tochter im Supermarkt. Zum Glück kooperiert sie. Wir kaufen nur ihre Leckereien für den Kita-Ausflug. Also Dinge, bei denen die Chance besteht, dass sie tatsächlich gegessen werden und nicht dekorativ in der Brotdose altern.

18:05 Uhr: Endlich daheim. Wir blödeln ein bisschen. Ich merke, wie sehr ich ihr gefehlt habe. Und ich merke, wie erschöpft ich bin. Jetzt schnell Abendessen machen. Ich bereite für uns Teller mit Gemüse und Broten vor. Sie dreht unglaublich auf. Ich weiß, dass sie Energie loswerden muss. Ich weiß, dass das normal ist. Ich weiß, dass sie wahrscheinlich einfach einen langen Tag hatte. Aber mich strengt es an. Dieses Wissen hilft manchmal. Aber es macht mich nicht automatisch geduldiger.

18:25 Uhr: Das Abendessen ist fertig. Ich mache eine Ausnahme und wir schauen gemeinsam eine Wal-Doku. Dabei essen wir und reden darüber, was wir sehen. Es ist sogar schön. Nicht perfekt. Nicht pädagogisch rein. Aber nah. Und manchmal ist nah besser als perfekt.

19:30 Uhr: Badezimmerzeit. Sie will mit mir noch Bücher anschauen. Ich will das auch. Abe ich sitze kurz da und scrolle für zehn Minuten am Telefon. Nicht, weil ich das für die beste Entscheidung halte. Sondern weil mein Kopf kurz irgendwohin verschwinden möchte, wo niemand etwas von mir will.

20:00 Uhr: Bettzeit. Wasser. Bücher. Gurkenscheiben. Alles noch schnell vorbereitet. Dann kuscheln wir uns gemeinsam ins Bett, um wenigstens noch eine halbe Stunde Zeit miteinander zu haben. Wir lesen Astrid Lindgren. Die Kinder aus Bullerbü. Nach der Lesezeit braucht es Überredungskunst und Geduld, sie zur Ruhe zu bringen.

21:00 Uhr: Heute singe ich ihr Schlaflieder. Das habe ich lange nicht gemacht. Früher war das eigentlich ganz normal bei uns. Sie findet es schön. Ich auch. Sie schläft ein.

Und ich? Ich schreibe alles auf. Mit dicker Creme im Gesicht, Mascaraspuren und Zottelknoten im Haar. Aber immerhin, ich schreibe Zum Glück gibt es KI zur Rechtschreibkorrektur. Sonst würde es diesen Text vermutlich gar nicht geben. Zumindest nicht so, dass man ihn lesen könnte, ohne danach selbst einen Kaffee zu brauchen.

Ein bisschen stolz bin ich, diesen Tag überstanden zu haben. In meinem Kopf sind tausend offene Aufgaben. Und schon jetzt, während ich das hier schreibe, fällt mir ein, dass ich noch das Geschenk für meine Mama kaufen muss. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass ich beim Aufschreiben dieses Tages noch irgendetwas vergessen habe. Denn Mental Load wäre ja auch nur halb so charmant, wenn er wenigstens vollständig dokumentierbar wäre.

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